Volleyball Bundesliga

Die "Milchbubis" zeigen Zähne und Krallen

Die "Milchbubis" zeigen Zähne und Krallen
TSV G.A. Stuttgart
Photo: Nils Wüchner Photography - www.volley-Photo.de

Der Mittelblocker Patrick Pfeffer lag flach auf dem Hallenboden, alle Viere von sich gestreckt. Sein Teamkollege Stefan Schmid kauerte mit düsterer Miene daneben. Und der Trainer Tim Schöne hockte auch Minuten nach dem letzten Ballwechsel noch auf seinem Stuhl. Sein Blick ging starr aufs Spielfeld - so, als könnte dort doch noch irgendeine Wende geschehen. Aber die Würfel waren gefallen, und zwar erneut gegen die eigene Mannschaft. Nach einer an Nervenkitzel kaum zu überbietenden Dramaturgie haben die Zweitliga-Volleyballer des TSV Georgii Allianz auch ihr Heimspiel gegen den TSV Grafing verloren, diesmal mit 2:3 (22:25, 25:18, 25:23, 14:25, 16:18). Niederlage Nummer vier also in Serie. Das ist die ernüchternde Statistik. Freilich: so "super ärgerlich" das Ergebnis laut Schöne am Samstagabend war, so sehr bedeutete die Begegnung trotzdem einen Fortschritt für die Vaihinger.

Willkommen zurück in der zweiten Liga - das ist die eigentliche Botschaft der aktuellen Partie. Klar, versucht hatten Schöne und die Seinen sich dort auch in den vergangenen Wochen. Aber wirklich präsent waren sie erstmals an diesem Spieltag wieder. Anders als zuletzt stand im überwiegenden Teil der Begegnung ein Allianz-Aufgebot auf dem Feld, das lebte und bebte - und somit nicht länger jenes blass und brav wirkende Ensemble, dem der Teammanager Frank Rüdinger bei den vorangegangenen Pleiten an selber Stätte gegen Dresden und Delitzsch bissig eine "Milchbubi-Mentalität" attestiert hatte. Zumindest in drei Sätzen zeigten die Vaihinger ihrem Gegner die Zähne und Krallen. "Die Mannschaft hat Mut und ein Kämpferherz ­bewiesen", konstatierte Schöne, der darin "ein Zeichen" sieht. Von daher sei er ­optimistisch, "dass da etwas gut zusammenwächst". 

Und da auch in den Bereichen Zuspiel und Aufschlag die Formkurve nach oben ging, war zwischendurch das herbeigesehnte Erfolgserlebnis zum Greifen nah. Zweimal schien das Momentum bereits wegweisend auf der Seite der Vaihinger zu sein. Zunächst im dritten Satz, als die Gastgeber im Endspurt einen 21:23-Rückstand noch in ein 25:23 wandelten und damit auch insgesamt in Führung gingen. Dann im Tiebreak, als erneut eine Aufholjagd gelang, diesmal mit sechs Punkten in Serie vom 6:10 zum 12:10. Beim Stand von 15:14 hatte der Beinaheabsteiger der vergangenen Saison sogar einen Matchball.

Die treibende Kraft hieß dabei jeweils Veit Klausmann. Der 2,05-Meter-Mann verdeutlichte mit seinen brachialen Angriffsschlägen sowie seiner Gestik wie kein anderer den Willen, diesmal zu gewinnen. Er avancierte zum herausragenden Punktesammler seiner Mannschaft. Und nur folgerichtig wurde Klausmann zum bereits dritten Mal im fünften Allianz-Saisonspiel die Auszeichnung als wertvollster Spieler zuteil. "Wir haben ihn lange Zeit nicht in den Griff bekommen. Streckenweise konnte er machen, was er wollte", sagte der Grafinger Trainer Alexander Hezareh. Die einzige Schwäche des Diagonalangreifers: seine Angaben.

Dass es bei allen erwähnten positiven Aspekten in der Summe dann aber erneut nicht reichte, ist das, was es bei den Vaihingern nun zu verdauen gilt. Zuzuschreiben hatten sie sich diesen Umstand nach Schönes Einschätzung selbst. Pech, dass sich im Herzschlagfinale der Gegner knapp durchsetzte. Kein Pech dagegen, was im vierten Satz passierte - jener beinhaltete die verhängnisvollen Versäumnisse. Mit einem 21-minütigen völligen Einbruch in diesem Spielabschnitt bereitete das Filderteam seinem Kontrahenten den Weg zum Comeback innerhalb der Partie. Ein schlagartiger Absturz in Sachen Körperspannung und Konzentration. Die Erklärung für das Zwischentief? "Nach dem gewonnenen dritten Durchgang war die Freude offenbar zu groß. Vielleicht haben einige gedacht, wir hätten die Grafinger bereits im Sack", sagte Schöne, von dessen vor Wochenfrist bei einem Autounfall erlittenen Schleudertrauma lediglich noch ein wärmender Schal um den Hals zeugte.

Die Blessuren von zuletzt hatten sie ganz gut weggesteckt, die Vaihinger. Alle im Vorfeld Angeschlagenen wirkten mit. Kurzfristig ausgefallen waren nur Mirko Schneider (Magen-Darm-Infekt) und Manuel Harms (privat verhindert). Dass sie am Ende doch erneut ramponiert wirkten, hatte mit dem Verlauf des Spiels zu tun.

Pfeffer, der Akteur am Boden, ließ sich schließlich von seinen Mitstreitern wieder in die Senkrechte hieven. Der Coach Schöne hockte da immer noch auf seinem Platz am Spielfeldrand.

TSV Georgii Allianz: Zager, Hinsken, Klausmann, Höschle, Pfeffer, Stefan Schmid; Chudoba (Libero). Eingewechselt: Kuhn, Anciferov, Benz. 

TSV Grafing: Dreyer, Stretz, Wagner, Zierhut, Knörr, Gürzing; Schütze (Libero). Eingewechselt: Hesse, Voggenreiter, Seitz, Kirchner, Zeno Schmid.

published on Monday, November 7, 2016 at 6:47 PM; created by Franz Stettmer - Filderzeitung, TSV Georgii Allianz Stuttgart e.V.